Geht Reis auch ohne Sumpf?

Reis ist weltweit das meistgegessene Grundnahrungsmittel – und wegen der Methanemissionen aus den gefluteten Feldern eines der klimaschädlichsten. Gemeinsam mit Hi-Rice haben wir zwei Betriebe in Thailand bis auf die Dieselmenge pro Hektar untersucht. Das Ergebnis hat uns selbst ein wenig überrascht.

Reis ist klimapolitisch ein Sonderfall. Er ernährt mehr Menschen als jedes andere Lebensmittel und ist zugleich die einzige grossflächig angebaute Kulturpflanze, deren übliche Anbaumethode – ein Feld, das über Monate hinweg geflutet wird – systematisch Methan in die Atmosphäre freisetzt. Zwischen 11 und 12

Prozent der weltweiten Methanemissionen aus der Landwirtschaft stammen aus Reisfeldern1. Bei einem Nahrungsmittel, das in weiten Teilen Asiens dreimal täglich auf dem Teller liegt, ist das keine Fussnote, sondern eine Klimafrage.

Gemeinsam mit dem Unternehmen Hi-Rice haben wir uns einen konkreten Ausschnitt dieses globalen Bildes angesehen: zwei thailändische Pilotbetriebe, die Jasminreis anbauen – einer in Chonburi an der Golfküste, einer in Buriram im trockeneren Nordosten. Zwei Klimazonen, zwei Böden, zwei Bewirtschaftungsweisen. Wir haben Dieselverbrauch, Düngermenge, Bewässerungsregime, Strohverbleib und Erntemengen erhoben, daraus eine vollständige Ökobilanz erstellt und mit den besten verfügbaren thailändischen Referenzdaten verglichen2. Herausgekommen ist ein Datensatz, der uns selbst ein wenig überrascht hat.

 

 

Was auf dem Hof passiert

 

Die Familien, die hinter den Zahlen stehen. Jede Angabe in dieser Studie – vom Treibstoff für den Traktor bis zur Höhe des Wasserstands im Feld – stammt aus Fragebögen, die sie gemeinsam mit uns Feld für Feld ausgefüllt haben.

Die ersten Werte, die wir gleich vorstellen, beziehen sich auf den Reis direkt nach der Ernte – also auf alles, was bis dahin passiert: Bodenbearbeitung, Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Wasser, Strohverbleib und Erntemaschinen. Das ist die sogenannte “cradle to farm gate”-Ebene. Bei Reis entsteht der grösste Teil des Fussabdrucks ohnehin auf dem Feld, lange bevor das Korn irgendwo verladen wird. Sind die Zahlen dort gut, ist das die halbe Miete. Anschliessend verfolgen wir das Korn weiter – durch Mühle, Schifffahrt und Verpackung in der Schweiz – bis es im Regal liegt.

 

 

Die Ergebnisse, ungeschönt

 

Übersicht – Jasminreis bei der Ernte. Vergleich der beiden Hi-Rice-Pilotbetriebe mit thailändischen Referenzwerten, die wir selbst aus Literaturdaten und Statistiken zu Anbaumethoden und Erträgen berechnet haben.2

 

Drei Kennzahlen fallen auf.

Klimafussabdruck. Die Hi-Rice-Felder verursachen pro Kilogramm geerntetem Reis zwischen 1,52 kg (Chonburi) und 1,65 kg (Buriram) CO₂-Äquivalente. Der thailändische Durchschnitt liegt bei 2,39 kg. Das sind 31 bis 36 Prozent weniger als der landesweite Mittelwert – und immer noch unter dem „Best Case“ des konventionellen thailändischen Reisanbaus (1,68 kg), den wir hergeleitet haben, indem wir die jeweils günstigsten gängigen Anbaumethoden kombiniert haben. Der grösste Hebel dafür ist die Bewässerungsstrategie. Wo das Feld phasenweise trockengelegt wird, statt dauerhaft unter Wasser zu stehen, bekommt der Boden Sauerstoff, und die methanbildenden Mikroben verlieren ihre Grundlage – jede neuerliche Bewässerung braucht mehrere Tage, bis die Methanproduktion wieder anläuft. Methan haben wir deshalb nicht null gesetzt, sondern mit den IPCC-Emissionsfaktoren für AWD (alternate wetting and drying) gerechnet – das ist die Praxis, die hier angewendet wird. Methan entsteht auch unter AWD, nur deutlich weniger als bei dauerhaft gefluteten Feldern. Ein grosser Teil der klimatischen Differenz zum thailändischen Mittel lässt sich dadurch erklären – Methan, das unter Dauerflutung freigesetzt würde, unter AWD aber nicht3.

Wasserfussabdruck. Hier wird der Unterschied noch deutlicher. 0,24 bis 0,32 m³ Wasser pro Kilogramm Reis auf den Hi-Rice-Feldern, gegenüber 1,56 m³ im thailändischen Mittel. Das sind 80 bis 84 Prozent weniger. Den grössten Hebel liefert auch hier die Bewässerungsstrategie: Wo der Anbau auf natürliche Niederschläge und eine gezielte Zuleitung setzt, statt das Feld dauerhaft zu fluten, sinkt der Wasserbedarf pro Kilogramm Ertrag deutlich. Der berechnete „Best Case“ Thailands liegt bei 1,09 m³ pro Kilogramm – viermal so viel wie auf den Hi-Rice-Feldern.

Wasserknappheit. Das ist die regional gewichtete Zahl, die misst, wie knapp das verbrauchte Wasser dort ist, wo es entnommen wird. In Chonburi liegt der Wert bei 0,008 m³-äq/kg, also bei nur 2 Prozent des thailändischen Durchschnitts. In Buriram bei 0,23 m³-äq/kg, also bei 68 Prozent. Die grosse Bandbreite – zwischen 32 und 98 Prozent unter dem Mittel – ist kein Messfehler. Sie spiegelt, dass Chonburi an der Küste wasserwirtschaftlich deutlich weniger angespannt ist als der halbtrockene Nordosten, in dem Buriram liegt. Der Befund heisst auch: Selbst dort, wo Wasser regional knapp ist, kommt der Hi-Rice-Anbau mit spürbar geringerer Belastung für das lokale System aus.

 

Vom Feld bis ins Regal

Soweit das Korn am Feldrand. Was passiert danach? Aus 1,24 kg geerntetem Paddy-Reis wird in der

Mühle 1 kg geschälter, weisser Jasminreis – die Spelze wird entfernt, ein Teil fällt als Bruchreis und Kleie an. Anschliessend wird der Reis in 25-kg-Säcke oder Grossgebinde zu einer Tonne abgefüllt und macht sich auf den Weg: rund 17 000 Kilometer, davon der weitaus grösste Teil per Schiff in die Schweiz. Kein Flugzeug, kein Kühlcontainer. Erst nach der Ankunft wird er in die Verkaufsverpackung abgefüllt – eine Papierschachtel (knapp 24 Gramm) – und in Sammelkartons zusammengefasst, die jeweils mehrere Schachteln fassen und pro Kilogramm Reis rund weitere 16 Gramm Karton beitragen.

Eaternity-Berechnung pro 1-kg-Packung Hi-Rice Jasminreis, von der Erntefläche bis ins Schweizer Regal.

 

Auch nach dem Mahlen, 17 000 Kilometern Seefahrt und der Verpackung in der Schweiz bleibt das Verhältnis erhalten: rund neun Zehntel der Klimawirkung entstehen schon vor dem Mühlentor. Der Transportweg, der intuitiv das grösste Gewicht zu haben scheint, fällt am Ende mit gut drei Prozent kaum ins Gewicht – einfach weil ein Containerschiff pro Kilometer und Kilogramm sehr wenig CO₂ ausstösst. Die Mühle in Chonburi arbeitet mit konventionellem Strom (rund 68 g CO₂e pro Kilogramm), die in Buriram mit einem deutlich saubereren Strommix (rund 20 g) – ein bemerkenswerter Detailunterschied, der in der Gesamtbilanz aber von den Feldemissionen überschattet wird.

 

 

Drei Sterne im Klima-Score

Wenn man dieselben Zahlen nun durch den Eaternity-Score schickt – die Bewertung, die wir auf jedem Produkt anwenden, von eins bis drei Sternen, normalisiert auf eine standardisierte Lebensmitteleinheit – fällt das Ergebnis so aus:

 

 

Die Klimabewertung ist eindeutig: drei Sterne in beiden Regionen. Beim Wasser zeigt sich das gemischte

Bild, das schon in den Rohdaten zu sehen war – Chonburi liegt in einer Region mit reichlich Wasser, Buriram nicht. Da rund 87 Prozent der Hi-Rice-Produktion aus Buriram stammt, schlägt sich das in der mengengewichteten Gesamtbewertung nieder: drei Sterne für den CO₂-Fussabdruck, ein Stern für den Wasserbedarf. Das ist die ehrliche Antwort. Der Anbau in Buriram ist klimatisch gut, findet aber in einer Gegend statt, in der jeder verbrauchte Liter regional schwerer wiegt.

 

Was gut läuft – und was noch offen ist

Drei Dinge fallen an den Betrieben auf, die sich in den Zahlen niederschlagen. Die Felder werden nicht permanent geflutet, sondern phasenweise. Der Dünger wird in zwei bis drei Gaben ausgebracht, nicht einmalig vor der Saat – das reduziert die Auswaschung. Die Pumpen laufen auf den von uns untersuchten Höfen mit Strom aus Solarmodulen statt mit Diesel.

Was die Zahlen nicht beantworten, soll hier auch stehen. Zwei Pilotbetriebe sind zwei Pilotbetriebe – keine Region. Die Bewässerungsführung, die diese Werte ermöglicht, ist anspruchsvoll und lässt sich nicht in jeder Topographie einfach übernehmen. Und die regionale Wasserknappheit in Buriram ist nichts, was ein einzelner Betrieb allein lösen kann; sie hängt vom Klima und vom Grundwasserspiegel der ganzen Provinz ab. Trotzdem: Wenn ein Grundnahrungsmittel, das weltweit als klimaintensiv gilt, am Ursprung rund ein Drittel weniger Emissionen verursacht als üblich – und diesen Vorsprung bis ins Schweizer Regal nicht verspielt – dann ist das ein Hinweis darauf, dass die Art des Anbaus hier mehr Hebelwirkung hat als die Wahl zwischen Reis und einer anderen Stärkequelle.

 

Warum wir dieses Projekt überhaupt begleitet haben

Eaternity erstellt seit über fünfzehn Jahren Lebensmittel-Ökobilanzen. Die meisten Produkte, die wir bewerten, liegen bereits im Supermarktregal, und wir bewerten sie nach Klimawirkung. Hi-Rice ist einer der seltenen Fälle, in denen wir tief in der vorgelagerten Lieferkette mitrechnen, bevor das Produkt überhaupt existiert – Feld für Feld, gestützt auf Fragebögen, die die Landwirtinnen und Landwirte selbst ausgefüllt haben. Das ist aufwendig und unspektakulär. Aber bei Reis entstehen 80 bis 90 Prozent des Fussabdrucks am Feld – wer die Bilanz eines Korns verbessern will, muss genau dort anfangen.

 

Quellen

  1. Nikolaisen, M. et al. (2023). Methane emissions from rice paddies globally. Nature Food 4, 1–9. doi.org/10.1038/ s43016-023-00711-2.
  2. Mungkung, R. et al. (2019). Water footprint inventory database of Thai rice. Kasetsart University, Bangkok. Verwendet als Referenzdatensatz für Thailand (Durchschnitt, Best Case, Worst Case). Ergänzt durch: Arunrat, N. & Pumijumnong, N. (2017). Practices for Reducing Greenhouse Gas Emissions from Rice Production in Northeast Thailand. Agriculture 7(1), 4. doi.org/10.3390/agriculture7010004.
  3. Sriphirom, P. et al. (2019). Effect of alternate wetting and drying water management on rice cultivation. Journal of Cleaner Production 223, 980–988. doi.org/10.1016/j.jclepro.2019.03.212.

 

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